20.July.2021

Modal Mixture und seine Bedeutung in „Mmm Mmm Mmm Mmm“ von den Crash Test Dummies

Im Jahr 1993 war es schwer, der samtigen Baritonstimme von Brad Roberts, dem Sänger der Crash Test Dummies, zu entkommen, der im dem Song „Mmm Mmm Mmm Mmm“ die Geschichten von drei unglücklichen Kindern erzählt, die lernen, was Entfremdung ist. Die Band nutzt ambivalente Akkordfolgen, um die Melancholie der Charaktere in dem Lied zu verstärken. Diese Ambivalenz wird durch eine Technik namens Modal Mixture erzielt.

Wie die Modulation – der Wechsel der Tonart mitten im Lied – wechselt man auch bei der Modal Mixture zeitweise zu einer angrenzenden Tonart, wodurch das Ohr getäuscht wird und glaubt, zwei Tonarten gleichzeitig zu hören. Der Ton, von dem diese beiden geliehenen Akkorde stammen, ist häufig nahe mit dem Hauptton verwandt – entweder ein paralleler Moll-Ton oder eine Tonart entfernt. In der Praxis bedeutet Modal Mixture, einen Akkord zu nehmen, der normalerweise ein Dur-Ton ist, und ihn in Moll zu ändern – oder umgekehrt.

In dem Song ist Modal Mixture in den ersten beiden Akkorden zu hören: Gm und Dm. Während Gm in Eb-Dur natürlich erscheint, ist es nicht wirklich dazu geeignet, einen Ton aufzustellen. Ein I- oder V-Akkord oder ein Eb und B können das viel besser. Dm passt hier überhaupt nicht. D sollte in den Ton Eb-Dur gesenkt werden. Allerdings kann es auch der v-Akkord von einem natürlichen G-Moll sein. Denn Dm fühlt sich bei dem Ton des G-Moll heimischer als beim Eb-Dur und vermittelt so vorübergehend den Eindruck, dass der Song wirklich mit einem G-Moll begonnen hat.

[RS+] mmm_intro_960.png Keiner der ersten beiden Akkorde funktioniert gut in der Tonart des Eb-Dur. Andererseits sind Ab und Bb sehr stabile Akkorde dieser Tonart.

Zum Ende der Phrase hört sich die Akkordfolge wirklich so an, als wäre sie schon zu Beginn in Eb-Dur gespielt worden, aber der Dm-Akkord funktioniert als kurze akustische Illusion, sodass der Zuhörer denkt, er hätte den Song in einer anderen Tonart gehört.

[RS+] mmm_chords_960.png Halte nach den beiden identischen Akkorden in diesen beiden harmonisierten Tonleitern Ausschau. Während der Akkord, der auf D aufgebaut ist, in Eb-Dur gesenkt wird und Moll in G-Moll, bleibt der Gm-Akkord in beiden Tonarten derselbe. Wegen dieser Überschneidung liegt er nur einen Grad von der Haupttonart Eb-Dur entfernt, um den Dm-Akkord des Tons G-Moll zu entleihen. Die Beziehung bei dieser besonderen Art der Modal Mixture, den iii-Akkord der Haupttonart zu verwenden, heißt chromatische Medianten.

Am Ende der Strophe kommt ein Cb-Akkord, der von dem parallelen Moll-Ton des Eb-Moll entliehen ist. Da er einen halben Schritt niedriger liegt als der normale Cm-Ton in Eb-Dur, wird er als bVI in römischen Zahlen geschrieben. Der Wechsel dieser Akkorde bewirkt, dass der Song klingt, als wäre er wieder in eine Moll-Tonart moduliert worden. Weil dieser Wechsel sich auch mit dem Teil jeder Strophe überschneidet, in dem die Kinder sprechen, werden ihre Worte und Gefühle stärker betont als die des Erzählers. Wenn der Refrain fast unmittelbar danach beginnt und dabei denselben Gm- und Dm-Ton aus der Einleitung verwendet, wird der Verlauf noch weiter von Eb-Dur wegbewegt, bevor er für die nächste Strophe wieder zurückkehrt.

[RS+] mmm_2ndverse_960.png Modal Mixture setzt plötzlich am Ende der Strophe ein und lenkt den Fokus weg vom Erzähler auf die Kinder.

Das Endergebnis ist ein Song mit zwei Seiten: eine beständige Seite in Eb-Dur mit dem Erzähler, der die Geschichte erzählt, und eine andere, in der die Kinder in vielen verschiedenen Moll-Tonarten über den Akkorden sprechen. Während wir nur der Sichtweise des Erzählers lauschen, hilft Modal Mixture dabei, die Distanz zwischen den Kindern und der Person, die ihre Geschichten erzählt, zu verdeutlichen, sodass die Beziehung zwischen allen grundsätzlich definiert wird.

Du kannst selbst versuchen, mit Modal Mixture zu experimentieren: Such dir ein bekanntes Lied aus und versuche, ein paar Akkorde von Dur zu Moll zu wechseln oder umgekehrt. Achte dabei auf den Effekt, den dieses Vorgehen auf den Song hat, und ob deine Interpretation des Liedtexts dadurch verändert wird. Modal Mixture kann ein wirksames Werkzeug sein, wenn es darum geht, die Bedeutung des Songs zu vertiefen, und es ist ein tolles Hilfsmittel, um deinem Spiel und deinen Texten Komplexität zu verleihen.

Margaret Jones ist Multiinstrumentalistin, Songwriterin und Musiklehrerin aus Oakland, Kalifornien. Sie spielt Gitarre in mehreren Bands in ihrer Heimat, unter anderem in ihrem eigenen Songwriter-Projekt M Jones and the Melee. Sie hat an der UC Berkeley in Musikgeschichte promoviert und am San Francisco Conservatory of Music unterrichtet.

2017-08-07-Matt_Duboff-Crash Test Dummies-129" von 2017 Canada Summer Games ist lizenziert unter CC BY 2.0.

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